Indigene Autoritäten verurteilen die Gewaltakte in Tierradentro und im Cauca

Communiqué an die öffentliche Meinung
Indigene Autoritäten verurteilen die Gewaltakte in Tierradentro und im Cauca
Mittwoch, 18.07.2012, von der Asociación de Cabildos Indígenas Nasa Çxhãçxha
Angesichts der Ereignisse, auf die sich die öffentliche Aufmerksamkeit in den letzten Tagen gerichtet hat, halten wir es für angebracht, die folgende Information zu veröffentlichen, die Teil unserer internen Reflektion ist. Unser Ziel ist, Information zu verbreiten, und grössere Klarheit zu schaffen über eine Realität, welche sich zwar direkt auf die indigenen Gemeinschaften der Nasa auswirkt, doch eigentlich das Problem eines ganzen Landes ist, das seit über einem halben Jahrhundert inmitten eines bewaffneten Konfliktes lebt, der nicht gelöst werden konnte und sich heute uns allen in seiner ganzen Komplexität zeigt, und von den Medien doch nur partiell sichtbar gemacht wird.
Wir als indigenes Volk der Nasa bewohnen dieses Territorium seit den Zeiten unserer Vorfahren, wir haben die spanische Eroberung und Kolonialzeit überlebt, ebenso die Unabhängigkeitskriege des 19. Jahrhunderts, und trotz der systematischen Arbeit vieler Akteure, haben wir im 20. Jahrhundert, und soweit wir nun im 21. Jahrhundert stehen, auch den innerkolumbianischen Bürgerkrieg überlebt.
Bisher hat dies bedeutet, dass Mitglieder unserer Gemeinschaften sterben oder verschwinden, es hat Vertreibungen bedeutet und Antipersonenminen in unserem Territorium, neben allen weiteren Konsequenzen des Krieges. Dennoch bringen wir alledem unseren Widerstand entgegen, und alles was wir wollen, ist in Frieden zu leben. Deshalb haben wir als indigene Völker gesagt: Wenn sich die unterschiedlichen bewaffneten Akteure weiter bekämpfen wollen, dann sollen sie das woanders tun.
Der kolumbianische Staat hat in seiner Verfassung und mit der Ratifizierung der ILO-Konvention 169 eine Reihe von Rechten für die indigenen Völker anerkannt, unter ihnen ein sehr wichtiges, das bei jeder Intervention in unseren Territorien zu vorhergehenden Konsultation zwingt. Dies ist eine international anerkannte Disposition, die von der kolumbianischen Rechtsprechung vorgenommen wurde, um das Fortleben der indigenen Völker im Rahmen einer eigenen Entwicklung zu garantieren. In diesem Sinne fordern wir von der Regierung, dass sie diese Vorgehensweise und ihre Gültigkeit in allen ihren Handlungen respektiert, welche unser Territorium und unsere Gemeinschaft betreffen. Es gab in Bezug auf die Ausbeutung der Ressourcen unseres Territoriums schon diverse Situationen, bei denen diese Vorgehensweise jeweils nicht eingehalten wurde. Dadurch wird die Situation, in der wir uns heute befinden, nur noch komplexer.
Zusätzlich ist es wichtig, vor der nationalen und internationalen Öffentlichkeit die Präsenz weiterer illegaler bewaffneter Gruppen anzuklagen. Am 19. April 2012 verteilte die Gruppe „Águilas Negras Rastrojos“ klandestin Flugblätter, die unter den Türen der Behausungen in einigen Resguardos1 der Zone durchgeschoben wurden. Darin erwähnen sie ihre Zugehörigkeit zur AUC und bedrohen die indigenen Anführer_Innen mit dem Tod, beschuldigen sie der Kollaboration mit der Guerrilla und dem Drogengeschäft, und kündigen ihre Präsenz in der Zone und ihre Arbeit der „Säuberung“ an.
An den nachfolgenden Tagen treffen im Resguardo von Mosoco auf elektronischem Weg Drohbriefe bei den politischen Funktionsträger*Innen ein, in denen diese beschuldigt werden, Verbindungen zur Guerilla zu haben. Es wird darin vom Risiko gesprochen, in dem sich ihre Familien befänden, und es werden Vergeltungsaktionen für angeblich in der Zone gefallene Soldaten angekündigt.
Am 16. Juli 2012 um 4:30, im Weiler Quiguanas an der Strasse zwischen Páez und Inzá, wird das Fahrzeug der Bezirksverwaltung von vier (4) Männern angehalten. Diese sind mit Gewehren bewaffnet, tragen militärische Kleidung und Schuhwerk, und verdecken ihr Gesicht mit Kapuzen. Sie fragen nach dem Bürgermeister und einigen Anführer*Innen der indigenen Organisationen mit ihren vollen Namen. Im Fahrzeug befand sich der Fahrer, Mitglied einer indigenen Gemeinschaft. Dieser wurde gezwungen, das Fahrzeug zu verlassen, wurde zu Boden geworfen, über den Boden geschleift und festgesetzt; die Subjekte sagten, das nächste Mal würden ihnen die Personen, die sie suchten, nicht entwischen. Danach steckten sie das Fahrzeug in Brand.
Wir verurteilen diese Ereignisse und die wiederholten Drohungen gegen die Mitglieder unserer Gemeinschaften von Seiten der bewaffneten oder zivilen Organisationen, die ein Interesse an unserem Land haben, die Vertreibung unserer Leute wollen und unser verängstigtes Schweigen vor diesen Aktionen suchen.
Die indigene Gemeinschaft der Nasa ist historisch gesehen ein Volk, das für die Wiederherstellung von Rechten kämpft, für die Autonomie und das Fortleben in unserem Territorium. Und so, wie wir dies bis heute mit friedlichen Mitteln und im festen Glauben daran getan haben, dass ein anderes Land möglich ist, wo dieser Kampf nicht im Kontext einer bewaffneten Strategie steht, genauso werden wir weiter für die natürlichen Prinzipien einstehen, an die wir glauben.
Dies ist nicht das Problem von einigen Indigenen im Cauca, so wie dies der Öffentlichkeit gezeigt worden ist, sondern es ist das Problem eines Landes. Der bewaffnete Konflikt schwelt in unserem Land schon seit einem halben Jahrhundert. Wir manifestieren, dass wir Opfer eines Krieges sind, den wir nicht leben wollen, wir wollen in Frieden leben, im Einvernehmen mit den Traditionen unseres Volkes. Wir wollen weiterhin unser Leben und unsere Anstrengungen dem Aufbau eines Territoriums widmen, nicht seiner Zerstörung. Wir wollen nicht noch mehr Gewalt, Unsicherheit, Tod und Vertreibung. Wir wollen in Frieden leben.
Heute, wie zu so vielen Gelegenheiten, bringen wir gegenüber allen bewaffneten Akteuren in unserem Territorium zum Ausdruck: Wenn sie weiter um Interessen kämpfen wollen, die nicht unsere sind, dann sollen sie dies an einem anderen Ort tun, und wir rufen die kolumbianische Gesellschaft an und laden sie dazu ein, Verantwortung für den Konflikt zu übernehmen, und ernsthaft daran zu arbeiten, ihn zu lösen. Was heute im Cauca deutlich wird, ist die Verantwortung aller Kolumbianer*Innen.
Durch dieses Communiqué machen wir explizit alle bewaffneten Akteure in unserem Territorium verantwortlich für Aktionen, welche gegen unsere Anführer*Innen und Mitglieder unserer Gemeinschaften gerichtet sind.
Wir fordern, dass der Staat in allen seinen Interventionen in Bezug auf das Territorium den Prozess der vorhergehenden Konsultation einhält, damit seine Anwesenheit territorial und kulturell im richtigen Kontext stehen kann, so wie dies die Verfassung und das Gesetz Kolumbiens vorschreiben. Dies bedeutet, dass die Regierung keine Bewilligungen für die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen vergeben kann wie bisher, ohne den Prozess der vorhergehenden Konsultation vollständig durchzuführen.
Die Regierung kann auch die Anwesenheit anderer bewaffneter Kräfte nicht ignorieren, die wir verurteilen, und die uns in unserem Territorium drangsalieren und terrorisieren. Es stimmt, dass alles eine Grenze hat, so wie dies der Präsident Juan Manuel Santos sagt. Und als Volk der Nasa nehmen wir für uns in Anspruch, all den Dingen eine Grenze zu setzen, unter denen unser Territorium seit Jahrzehnten leidet, der Gewalt, der Unsicherheit, den Toten, den Antipersonenminen, dem Verschwindenlassen, den Vertreibungen.
Wir rufen die internationalen Organisationen, die über die Einhaltung der Menschenrechte wachen, dazu auf, unsere Situation kennenzulernen, sie sichtbar zu machen und die Aktionen zu verurteilen, die gegen das Fortleben der Nasa gerichtet sind.
„Ãçxh ẽensu na’wẽ yuwewala kuhjwed thẽy pthũsena yuha’ txãa yuwe’sa’ jiyuwwẽesatxi’ na’çxaatha’ kaajiyu’ju’. Nasawe’sxa’ tahç çxkan a’kafx thaakweyã’ naa yuwetxi’ ivxtxhĩna katawa’txhi’ ikahtana yuhna ũstha’w aça’ na’sa’ ew pa’yahtx, jii ki’ ksxa’we’sx ũusyakh, amwe’sx ki’ ẽekathẽ’we’sxyak ipi’kxçxa çxhãçxha kwe’sxpa yã’ũswa’çhaa ũsa’. Çaamtu’suwe’sxa’ paçwe’sx meeçxa’ jembwe’sx ma’txyuu napa naa yuwetxi’ phewu’jwa’sameta’; jebuhwe’sxa’ nasa’stha’w nwe’we’ ji’tx paçuhwe’sxpa txã’wẽyçxaatx we’we’ napa isa ew ũusatxahte’ maayũhpa itxifxi’zenxi’sa’ çaam tu’sçxa nwe’we’n jĩyã’ ewuumena. Naa ũusçxa’sthu nasawe’sxtxi’ txazsay khaabuwe’sx yuwete kaatxunde’ nxadxtasx kiweju ki’ CRICju. Yuwe’sa’ ma’tepa kwe’sxyuh atuune’tka’w suwã’ ũus yakhçxaa meen meswe. Pheewu’ ithãasmenxuuka phewu’juka kwe’sxyuh ewuwa’satha’w çaamyak ewusameetxi’.”
„Das Problem, das wir in der Gegenwart haben, ist dasselbe, welches wir seit 500 Jahren versuchen zu vermeiden, indem wir in den Geschöpfen der Natur Schutz suchen. Und wir alle, die den Frieden suchen, müssen dies tun. Und diese Aufgabe nicht den Regierungen anvertrauen, die angeblich den Frieden mit Waffen erreichen wollen. Alle bewaffneten Gruppen, die sagen, sie arbeiteten dafür, das Leben der Menschen zu verteidigen, sind Lügner, denn die Waffen werden für die Zerstörung und Selbstzerstörung hergestellt. Und im Namen aller, die Teil der Mutter Erde und der Cabildos sind, laden wir dazu ein, diese Angelegenheiten sehr gründlich zu analysieren und zu reflektieren. Lasst und nicht warten, bis andere uns schützen, beschützen wir uns selbst.“
Die erwähnten Briefe sowie die Fotobelege der Ereignisse wurden beigefügt.
Wir danken den Medien für die Verbreitung dieser Nachricht.



1Ein Resguardo ist ein kollektiver Landtitel einer indigenen Gemeinschaft.

http://tierradentro.co/Autoridades-Indigenas-rechazan

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